Jandee
 
 

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Person

Jan-D. Schulz

Ende Februar 1951 in Berlin geboren.

Die Stadt liegt in Trümmern.

Erste Schreckenstarre löst sich, Aufräumarbeiten und Wiederaufbau laufen überall an.

Nachkriegswestberlin…

Mein Vater betrieb als Spross einer Inneneinrichter- und Beleuchterfamilie ein Atelier samt Produktionswerkstatt für „Beleuchtungskörper und Kunsthandwerk“. Er hatte damals reichlich zu tun, Hotels, Kinos, Rathäuser und viele andere Gebäude mit schönen und hochwertigen Lampen auszustatten. Eine Zeitlang war er ein gefragter Mann.

So wuchs ich mit Metall- (hier: Gürtler-) -handwerk und Elektrotechnik mitten in Berlin, in Sichtweite der Gedächtniskirche, auf einem idyllischen Ruinengrundstück voller Blumen und Katzen auf, und der Begriff „Kunsthandwerk“, die große Obsession meines Vaters, prägte fortan mein Schaffen sowohl im positiven wie im negativen Sinne.

 

Sommer 1968,

Berlin schmarotzt am Wirtschaftswunder.

Die „richtigen“ Leute jedenfalls.

Jugend beginnt um sich zu schlagen, Protest, Drogen, Kämpfe,

Rock´n Roll…

…wir waren in den Beamtenbezirk Steglitz umgezogen, wo ich mich komplett unverstanden sah, Pickel bekam, pummelig und unglücklich wurde. Kurz vor meinem Abitur hielt es mich nicht mehr länger in diesem unbegreiflichen „System“, und ich zog samt Gitarre los, um die Welt am lebenden Objekt zu studieren. Alle Drogen. Lief barfuss von Schweden nach Tunesien, lernte eine große Anzahl unterschiedlichster Leute kennen, nähte Leder, webte Teppiche, buk Brot, half bauen, schreinern, Christiania besetzen, hatte meist kaum genug Geld zum leben und machte viel, viel Musik. Die Haare reichten inzwischen bis zum Hintern, dann die erste Glatze.

Ein zweijähriges Volontariat in der exquisiten Gürtlerwerkstatt meines Vetters in Ludwigsburg verfestigte meine Fähigkeiten und Kenntnisse in der Metallbearbeitung (und im Saufen). Daneben brachte diese Zeit den Führerschein 1 & 3, neue Erfahrungen im Bauen und Dachdecken, spannende Sportarten ( Motorradfahren, Skilaufen, Kanufahren, Drachenfliegen, etc ) und auch hier jede Menge unglaubliche Menschen. Cool runnings in Baden-Württemberg.

Und immer wieder Leder. Anfangs Klamotten, Kleidung, später Taschen, Gürtel, Zaumzeuge. Eine Menge höchst exotischer Sonderanfertigungen. Versuche, fachübergreifende Kollektivwerkstätten aufzubauen (In Berlin. Schlugen fehl.), diverse LKW-Verschiebe-Reisen in den vorderen Orient, Teheran, Damaskus, etc, Taxifahrerphase, aber immer wieder Leder. Einige Jahre waren meine Kellnerbörsen ein Kultrenner unter Berliner Taxifahrern.

 

Anfang 1980

…und weiter kalter Krieg, Baader/Meinhof,

bleierne Zeit…

Umzug ins idyllische Löwenhagen zwischen Harz und Weserbergland. Dort mit Freunden ein vierhundertjähriges Gesindehaus hergerichtet und: was aufgebaut? Richtig, die Lederwerkstatt! Aber auch eine kleine Metallwerkstatt, und die kam genau passend, als dann die Zeit der alternativen Modemessen (Offline, Avantgarde, etc.) losging. Aufbruchsstimmung in der Szene. Presse, Publikum und jede Menge kühner Kreationen aus Leder und Metall, dazu dann auch Textilien. Messen und Modenschauen, eigene Produktionen und Boutiquen.

 

Tschernobyl explodiert…

Mein Unternehmen wurde schnell zum Modeatelier, zog in größere Räume im Nachbarort Imbsen, beschäftigte Mitarbeiter und eines schönen Tages nach etwa zwei Jahren brannte es ab. Da wir recht hoffnungsfroh gewesen waren, trat ich meine Ersatzforderung an die Versicherung der Bank ab, nahm Geld auf, mietete repräsentable Räume in der nahen Kleinstadt, stellte mehr Leute ein und stürzte ab, als die Versicherung nach einem mir ungünstigen Vergleich kaum etwas zahlte. Ich saß nicht nur auf dem Trockenen, sondern hatte plötzlich massenhaft Schulden. Musste  sofort da weg!

 

Frühjahr 1992

Die Zonengrenze ist offen…

Unsicheres Umhertappen auf der einen, unkontrollierte Bereicherung auf der anderen Seite.

Also schleunigst in Richtung alte Heimat Berlin. Aber es war ja nach der Wende, und ich konnte auf dem Land wohnen! Havelland! In Netzen am See (und der Autobahn) fand ich eine freie, aber leider vollkommen unerschlossene Scheune zur Miete bei Herrmann Neumann auf dem Hof. Der Start dort war aus verschiedenen Gründen sehr schwer, und ich habe es in der Zeit nicht geschafft, Anschluss zu finden und so recht hochzukommen, wenn man von den kurzen fünf Jahren absieht, die meine Gefährtin hier mit mir verbrachte, bevor sie starb. 2002 bis 2007. In dem Jahr danach erkannte ich, dass ich auch aus Netzen wieder fort musste. Ich hatte inzwischen wirklich viel in der Scheune ausgebaut und ne Menge dabei gelernt, aber die Schulden waren gestiegen und Insolvenz unvermeidlich.

 

Blackout.

Ich brauchte Hilfe, habe gesucht und gefunden. Meine Insolvenz wurde akzeptiert, ALG II bewilligt, und bei alldem darf ich meine Tätigkeit weiter ausüben. Sogar vom Finanzamt sah ich mich unterstützt – lauter hilfreiche Menschen! DANKE!

Eine äußerst stärkende Therapie bei einer freundlichen Dame aus Pankow (besonderes Dankeschön!) half zum nötigen Selbstvertrauen, die ganzen folgenden Schritte zu tun. Alle schön nacheinander. Bis plötzlich Zukunft aufzutauchen begann. Kreative Lust erwachte wieder, und nach recht kurzer Zeit und einigen Markterfahrungen kam ich direkt wieder auf meine alten Entwürfe für Portemonnaies zurück. Und die kamen auch an!

Mit derart frisch gestärktem Lebensgefühl und neuer Klarheit habe ich jetzt beschlossen, mich hier doch endgültig niederzulassen und bin in vollem Gange, das Portemonnaie-Geschäft zum selbständigen Vollerwerb auszubauen und ansonsten mein Leben aufzuräumen.

 

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